Als ich die Gitarre erwarb, glaubte ich tatsächlich dem Vorbesitzer, das es sich um eine Artist aus den 80ern handelt.
Aber es war eindeutig eine Ibanez, und sehr viele Datails deuteten auf eine AR300 hin, besonders die dreiteiligen (fünfteilig am 12. Bund) Griffbrett-Einlagen...!?
Da ich Klarheit haben wollte, schrieb ich den Vertrieb für Deutschland, Meinl, an. Das Antwortschreiben ging überhaupt nicht auf meine Anfrage zu diesem Modell ein, man verwies mich dafür in Sachen Ersatzteile an den nächsten Ibanez Stützpunkt-Händler (wenn ich etwas an den Switches auszusetzen hätte). Um der Sache nun endgültig auf den Grund zu gehen, wandte ich mich gleich an Ibanez Japan (Mai 2003) — bis heute habe ich nichts gehört.
Wie es der Zufall will, stolperte ich über eine zweite Gitarre dieser Baureihe, eine AR300 Reissue in Antique-Violin. Über diese Gitarre kam es dann zu Kontakten mit Kennern der Materie, damit hatte sich meine Unwissenheit zumindest was diese Fragestellung angeht erledigt.
Natürlich war ich ein Stück weit übers Ohr gehauen worden - aber schön ist die Gitarre trotzdem - was mich wieder versöhnt hat.
Die Features dürften Allgemeingut sein, der Vollständigkeit halber liste ich hier einige auf:
Wie immer zuerst der Trockencheck - Das Sustain ist wirklich gut, der Ton steht lange und klingt gleichmäßig aus. Auch heftiges Geschrammel steckt sie unbeeindruckt weg, schauckelt sich nicht auf oder reagiert in sonst einer Weise ungebührlich.
Umgekehrt wird auch ein Schuh draus - der Dynamikumfang ist recht beschränkt - da ist nicht viel Spielraum zwischen dem lautesten und leisesten Ton. Auch elektrisch ist die Klangentfaltung wenig lebendig, die Ansprache zurückhaltend, die Dynamik wenig entwickelt. Expressiven Ausdruckswünschen kommt sie nicht entgegen.
© Bodo Burtscher

So gravitätisch sie auf dem Foto wirkt, so fühlt sich diese AR300 Reissue auch am Gurt an - sie ist höllisch schwer.
Und das, obwohl das hauptsächlich verwandte Holz einen recht porösen Charakter zeigt - Schrauben sollte man nicht zu oft raus und rein drehen.
Eine leichte Kopflastigkeit macht sie auf Dauer auch nicht tragbarer.
Dieses Schicksal (Übergewicht) teilt sie aber mit vielen deckend lackierten Gitarren - es ist ja auch naheliegend, das für diese Modelle weniger hochwertige Hölzer verwendet werden. Unpäßlichkeiten lassen sich aufs einfachste mit Spachtelmasse ausgleichen.
Man ließt ja oft die gerne strapazierte Analogie, das großes Gewicht ein Garant für ein ausgeprägtes Sustain sein soll - das kann stimmen, hängt aber auch davon ab, woher das Gewicht rührt.
Interessantes Detail am Rande: Im Elektronik-Fach sind Fräßungen für die Tri-Sound-Switches an der Decke vorgenommen worden, um diese etwas auszudünnen, so daß die Gewinde der Schalter auch bis zur Oberseite der Decke durch reichen. Diese Fräßungen sind auch in der AR700 Artist zu finden (ohne dort einen bestimmten Zweck zu erfüllen, in der Massenfertigung wird wohl für diesen Schritt ein einheitliches CNC-Programm durchlaufen).
Korpus aus einem mahagoni-ähnlichem Holz (was gut zu erkennen war nach Herausnehmen der Tonabnehmer).
Auch war die Abstufung zur Decke sehr schön zu sehen - ich bin kein Experte auf dem Gebiet, aber Ahorn scheint mir unwahrscheinlich (zu weich, Ahorn ist wohl zu teuer?!), es könnte sich um Sycamore oder auch Birke handeln.
Es ist einfach schwer zu sagen, da so gut wie keine Stelle gibt, an der eine Holz-Masserung zu erkennen wäre.
Die Lackierung ist im übrigen sehr widerstandsfähig, ich tippe auf eine Polyesterlackierung.