Bei erster, beiläufiger Betrachtung denkt man unwillkürlich Paul Reed Smith. Aber was soll auch schon herauskommen, wenn man eine Strat mit einer Les Paul kreuzt? Und selbst wem der Name Patrick Eggle etwas sagt, wird damit das Modell „Berlin“ (gespielt von Tony Iommi, Midge Ure, Nik Kershaw, UB40 oder auch Brian May) in Verbindung bringen. Aber „Vienna“?
Patrick James Eggle begann 1983 mit dem Gitarrenbau. 1991 schaffte er sich einige Maschinen an, um in einer Scheune auf dem Grundstück einer Farm in Hertfordshire mit dem Bau von Elektrogitarren zu beginnen. Als er auf einer Musikmesse seine Modelle ausstellte, traf er die entscheidenden Leute, um die „Patrick Eggle Music Co. Ltd.“ zu gründen (Trevor Wilkinson war mit dabei). Das Modell mit dem die Serienproduktion aufgenommen wurde, war die bereits erwähnte „Berlin“.
Als die Produktion im neu gegründeten Werk in Coventry in Schwung kam, fand Patrick Eggle sich zunehmend in einem Büro wieder, um administrative Aufgaben wahr zu nehmen. Das entsprach aber überhaupt nicht seinen Vorstellungen. Er zog sich daraufhin schrittweise aus der Firma zurück, um dann schließlich 1995 ganz auszuscheiden. Die Namens-Rechte sowie die Rechte an den von ihm kreierten Modellen trat er dabei ab. Die Firma machte also ohne den Meister weiter und verlegte den Firmensitz nach Queen's Chamber, Old Snow Hill in Birmingham.
Wer sich eine Gitarre auf den Leib schneidern lassen will sollte sich ruhig mal bei Patrick Eggle Guitars umsehen - Lefthands kosten keinen Aufpreis - und die Preisgestaltung ist durchaus moderat.
Patrick James Eggle selbst siedelte nach Caddington, Bedfordshire, in der 39 Front Street, slip End, um. Seine Leidenschaft gilt seit einigen Jahren verstärkt den Archtops. Seine letzte mir bekannte Firma nannte sich „Patrick James Eggle Custom Guitars“ (Nachtrag: Die Homepage der Firma ist seit nun 2 Jahren nicht mehr zu erreichen). Bei Fret King hatte er Anfangs auch noch seine Finger mit im Spiel.
Die Vienna wurde in Kleinstauflage gebaut. Ursprünglich war sie wie die meisten Eggle's mit Kent Armstrong Pickups aus koreanischer Fertigung bestückt. Auch das originale Ebenholzgriffbrett mußte ersetzt werden (dazu gleich). Die nüchternen Features:
Klang (das Ding lebt) und Sound-Vielfalt, allerdings anderes Tonspektrum nach Reparatur (siehe weiter unten)
Die Original-Tonabnehmer sind gegen Exemplare aus Harry Häussel's Hexenküche ausgetauscht worden. Zum Einbau kamen für die jeweilige Position optimierte CT-HB-Perl in Zebraausführung. Sagenhafter Sound - die Gitarre mutierte damit zum Tone-Monster. Sie kann auch gewaltig schieben - umd immer ist richtig viel „Holz“ dabei.
Also ich die Gitarre erhielt, wollte ich im Zuge des Checkups auch die Halskrümmung einstellen.
Die Einstellmutter des Trussrods ging immer schwerer, ohne dass sich an der Krümmung was tat. Das muß doch... das einzige was dann noch passierte, war das hohe knackende Geräusch, wenn Metall bricht. Na Klasse!
Ich übergab sie dann in die kundigen Hände von André Waldenmaier (Staufer Guitars), der ihr ein neuen Stahlstab (Doppel-Trussrod) implementierte, anschließend ein wunderschönes Rio-Palisander-Griffbrett aufsetzte, dieses mit neuen Dunlop-Bünden versah und abrichtete, und zum Abschluß mit sehr schönen Iris-Abalone-Dot-Inlays bestückt hat.
Die Diagnose des Doktors: Beim Bau der Gitarre wurde eine großzügige Fräsung im Hals vorgenommen, der offensichtlich dazu diente, einen Doppel-Stahlstab aufzunehmen.
Dieser wurde dann aber nicht eingebaut, sondern ein gewöhnlicher Rundstab-Trussrod. André glaubt (hofft?!), das dafür tonbildende Überlegungen verantwortlich gewesen sein könnten - wiewohl diese für zumindest diese Gitarre etwas zu spät kamen.
Die Engländer schienen da aber wenig zimperlich - der einfache Rundstab-Trussrod hatte zuviel Spiel und keinen Angriffspunkt in Form von Holz (da ja weggefräßt), also legte man einfach ein Holzscheit zwischen (Unterseite-) Griffbrett und Stahlstab, und schon konnte der Stahlstab seinem Zweck gerecht werden.
Jetzt war aber dieser Holzscheit offenbar aus recht weichem Holz, was zur Folge hatte, das sich der Stahlstab immer tiefer hinein grub, bis er im Prinzip genauso „frei schwingen“ konnte wie eine Gitarrensaite:( Und wenn man dann versuchte, irgendetwas einzustellen, verdrehte man den Stahlstab nur noch in sich - bis eben die maximale Materialbelastung errreicht war.
Nachtrag in Sachen Klang:
Vor dem Umbau/Reparatur war der Klang wirklich phantastisch, offensichtlich hat da wirklich alles zusammen gepaßt. Danach war er doch anders, ein Stück gewöhnlicher, immer noch sehr gut - resonant, dynamisch, ein gutes Sustain. Es fehlte aber das Quentchen Lebendigkeit, Körperhaftigkeit und Low-End. War der Klang (auch trocken) schlicht begeisternd, fast magisch, so war er jetzt „nur“ noch „wirklich gut“.
© Bodo Burtscher

Das Gewicht der Gitarre liegt bei 4,6 Kg.
Der ergonomisch konturierte Korpus (vor allem auch an der Rückseite) und die hervorragende Balance machen die Gitarre aber auch über einen längeren Zeitraum tragbar.
Das Binding ist in „natural“ ausgeführt: Der Abschluß der Riegel-Ahorn-Decke wurde nicht gebeizt, sondern nur mit Klarlack versiegelt.
Etwas Ironie sei an der Stelle erlaubt: Damit zeichnen sich seit längerem Spitzeninstrumente aus - dabei ist es billiger in der Herstellung als ein echtes Binding.

Der große Korpus ist aus einem einzigen Stück Honduras-Mahagoni gearbeitet.
Ähnlich sieht man auch bei der Hamer Sunburst Archtop, wobei deren Korpus natürlich wesentlich kleiner ist.

Das (von Trev Wilkinson designte) Tremolo bietet weitreichende Einstellmöglichkeiten.
Die Gesamthöhe der Einheit wird mit den beiden äußeren Befestigungsschrauben justiert, die 4 innenliegenden Schrauben dienen ausschließlich der Schwingungsübertragung auf den Korpus. Der Tremoloarm ist gesteckt, seine Gängigkeit wird mittels Inbus-Schraube eingestellt.

Ein Blick in die Fräßung für den Halstonabnehmer (Häussel).
Deutlich zu erkennen ist der Durchmesser der Ahorn-Decke.

Die Sperzel Machine-Heads. Gut zu erkennen die Rändelmuttern, mit denen die Seiten arretiert werden.
Wenn ich da an die vermurksten Konstruktionen von Floyd-Rose oder anderen Anbietern denke...