1888 begann George Washburn Lyon mit dem Verkauf von handgefertigten Instrumenten in seinem Chicagoer Laden. Gebaut wurden sie von P.J. Healy.
In den 70er Jahren kaufte Fretted Industries den Namen und das Markenzeichen Washburn ein. 1978 wurde der Firmensitz nach Northbrook in Illinois verlegt. Von da an wurden auch Elektro-Gitarren unter dem Washburn Label vertrieben.
Gefertigt für die Massenprodukton wird weltweit (Korea, China, Singapore, früher auch Japan). Der Customshop in den USA läuft unter dem Namen „Washburn & Randall“. Er wird von Gil Vasquez geleitet (Stand 2005). Dort enstehen in Kleinstserien die Spezialitäten, etwa Scott Ian Model (Anthrax), Nick Catanese Model (Black Label Society) usw.. Diese Modelle weisen alle das Buzz Feiten Tuning System auf.
Die HB-35 ist nunmehr seit gut zwei Jahrzehnten Washburns Interpretation einer Semiakustik und steht in Konkurenz zur Gibson ES 335. Wie diese weißt sie einen eingeleimten Hals und einen Sustainblock aus massivem Mahagoni auf, der Rückkoppelungen und Feedback's ausschließen oder zumindest kontrollierbar machen soll.
Trotz augenscheinlicher Ähnlichkeiten gibt es etliche Detaillösungen, die sie von der Gibson abheben. So sind etwa die beiden Cut-Aways weiter ausgeformt, was einen deutlich besseren Zugang zu den oberen Lagen gewährleistet.
Die aktuellen Reinkarnationen der HB-35 wurden zuerst in (Süd-) Korea und nun seit etlichen Jahren in China gefertigt. Es handelt sich dabei um zweifellos gute Gitarren, sie können aber mit dieser hier nicht direkt konkurrieren.
Trotz intensiver Nachforschung ist es mir bisher nicht gelungen, das exakte Baujahr dieser Gitarre zu ermitteln. Die niedrige Serien-Nummer im Hohlraum des Korpus mit dem Zusatz „Hand Crafted in the Washburn tradition of chicago“ legt nahe, das die Gitarre aus den frühen 80ern ist. Ein weiteres Indiz dafür ist die Kopfplattenform. Sie unterscheidet sich von den Aktuellen, aber auch von der bekannten Kopfplattenform der Großserienmodelle in den 80ern.
Als ich die HB-35 auftrieb, war sie in einem erbärmlichen Zustand. Grundgereinigt und poliert wurde sie mit neuen Saiten versehen und optimal eingestellt. Zur kompetenten Restauration würde sie aber zum Gitarrendoktor müssen.
Die Gitarre hat wohl einen heftigen Sturz hinter sich: der Hals war unterhalb der Kopfplatte angebrochen. Der Bruch war auch repariert woren - der Stimmstabilität, dem Klang und der Bespielbarkeit tut das keinen Abbruch. Die Reparatur wurde mal mit einer diletantischen Spraydosen-Lackierung überdeckt - der Lack ist aber gottseidank größtenteils wieder runtergespielt (abgegriffen).
Der unverstärkte Sound der Gitarre hat mich wirklich überrascht: Wie eine Glocke! Dynamisch, das gesamte Frequenzspektrum abstrahlend, warm mit schönen Obertönen.
Die Tonabnehmer übertragen diesen Ton deutlich beschnitten. Deren Klangverhalten tendiert ins metalische, zu eher kühlen Farben. Sie werden dem Potenzial und der Klangentfaltung der Gitare überhaupt nicht gerecht.
Besonders deutlich wird dies am Stegtonabnehmer. Dessen Ton wirkt auf mich recht ... künstlich?!. Persönlich halte ich die Stegposition grundsätzlich für am kritischsten. Es gibt nur wenig Gitarren, bei denen die Stegposition von Haus aus gut besetzt ist.
Wer immer die Gelegenheit hat, eine HB-35 aus japanischer Fertigung zu erwerben, sollte zuschlagen. Selbst Leute, die bisher nie einen Gedanken daran verschwendet haben, werden angenehm überrascht sein und vielleicht eine neue Seite ihren Preferenzen hinzu fügen.
© Bodo Burtscher

Klassische Anordnung der Controls.
Auf den ersten Blick sieht man die Patenschaft der Gibson ES 335.

Trotz rüchsichtsloser Behandlung zeigt das Holz am Korpus keine Schäden - Indiz für eine harte Acryl-Lackierung.

„Hand Crafted in the Washburn tradition of chicago“.
Eingeklebtes Typenschild mit gestempelter Modellbezeichnung und Seriennummer.
